Im Spannungsfeld von Tradition und Transformation: Wohnungsgenossenschaften diskutierten Zukunftsthemen im EBZ

Mehr als 100 Vertreterinnen und Vertreter aus Wohnungsgenossenschaften, Verbänden und Wissenschaft kamen am 10. März 2026 zum dritten „Tag der Wohnungsgenossenschaften“ im Europäischen Bildungszentrum der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft (EBZ) in Bochum zusammen. Eingeladen hatten das EBZ, der VdW Rheinland Westfalen und die „Vereine Wohnen in Genossenschaften“ und „Die Marketinginitiative der Wohnungsbaugenossenschaften Deutschland“, um zentrale Zukunftsfragen der Branche – vom Klimapfad über bezahlbares Wohnen bis hin zu Digitalisierung und Organisationsentwicklung zu diskutieren.
Prof. Dr. David Wilde, Vorstand der hwg eG und wissenschaftlicher Leiter des Instituts eG21 an der EBZ Business School, betonte zur Eröffnung, dass Wohnungsgenossenschaften zwar gesellschaftlich sehr gefragt sind, zugleich aber zunehmend unter Druck geraten. Die Branche stehe vor so großen Investitionsherausforderungen wie noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg, besonders wegen energetischer Sanierungen und steigender Baukosten.
Wilde bezeichnete auch die Digitalisierung als ein ambivalentes Thema: Zwar versprechen digitale Lösungen mehr Effizienz, doch entstehen in der Praxis zunächst zusätzliche Aufgaben. Daher ist eine realistische Abwägung von Kosten und Nutzen besonders wichtig.
Vision einer modernen genossenschaftlichen Pflichtprüfung

Die Weiterentwicklung der genossenschaftlichen Pflichtprüfung steht vor bedeutenden Veränderungen. Dr. Daniel Ranker, Vorstand und Prüfungsdirektor des VdW Rheinland Westfalen, prognostiziert, dass der Wandel der nächsten zehn Jahre tiefgreifender ausfallen wird als in den vergangenen drei Jahrzehnten. Neue gesetzliche Anforderungen sowie aktuelle Herausforderungen wie die Klimaziele werden künftig die Prüfungsarchitektur maßgeblich beeinflussen. Die fortschreitende Digitalisierung bietet zudem zusätzliche Chancen für Effizienzsteigerung im Prüfungswesen. Am Beispiel der KI-gestützten Prüfungsplattform „Strategion“ demonstrierte Dr. Ranker, wie digitale Analysen Prüfprozesse optimieren können. Von entscheidender Bedeutung ist es daher, die Mitarbeitenden aktiv in die digitale Transformation einzubinden, da zukünftig sämtliche Aufgaben, die durch KI besser erledigt werden können, auch entsprechend genutzt werden.
Mehr als 10.000 Genossenschaftsmitglieder geben spannende Einblicke in ihre Erwartungen

Prof. Dr. Torsten Bölting von InWIS Forschung & Beratung nahm das Publikum mit auf eine Reise in die Erwartungen der Genossenschaftsmitglieder und präsentierte die Erkenntnisse der groß angelegten Studie „Wohnungsgenossenschaften der Zukunft eG 2025+“. Die Ergebnisse zeichnen ein faszinierendes Bild: Einerseits wünschen sich die Mitglieder viel – sie haben hohe Ansprüche an ihre Genossenschaften, andererseits herrscht bemerkenswert große Zufriedenheit – insbesondere, wenn es um bezahlbare Mieten, ein sicheres Zuhause und ein attraktives Wohnumfeld geht.
Der genossenschaftliche Gedanke selbst ist jedoch für die meisten Mitglieder nicht der ausschlaggebende Grund, sich einer Genossenschaft anzuschließen. Es sind vielmehr ganz praktische Vorteile wie eine erfolgreiche Wohnungssuche, günstige Mieten oder das lebenslange Wohnrecht, die zählen. Nur 18,7 Prozent nennen explizit den Gemeinschaftsgedanken. Entsprechend zurückhaltend ist das Engagement in Gremien – eine Erscheinung, die Bölting treffend als „Elternabendsyndrom“ beschreibt. Sein Appell: Umso wichtiger sei eine lebendige, direkte Kommunikation mit den Mitgliedern, um sie stärker einzubinden und zu begeistern.
Vier Panels zu zentralen Zukunftsfragen der Genossenschaften
Am Nachmittag vertieften vier Panels zentrale Zukunftsthemen der Branche: Mitgliederkommunikation, die Aktivierung junger Mitglieder, die Anpassung von Nutzungsentgelten sowie der Umgang mit belasteten Quartieren. Deutlich wurde dabei, dass erfolgreiche Mitgliederkommunikation weniger vom gewählten Medium abhängt als von Haltung und Kontinuität: Persönlicher Austausch, transparente Information und eine mutige Zukunftsvision stärken Vertrauen und Nähe zu den Mitgliedern. Ebenso klar wurde, dass die gezielte Ansprache junger Mitglieder kein „Nice-to-have“ ist, sondern eine strategische Voraussetzung für die Zukunftsfähigkeit der Genossenschaften – sowohl für wirtschaftliche Stabilität als auch für den Nachwuchs in den Vertreterversammlungen. Beim Thema Nutzungsentgelte zeigte sich, dass moderat und nachvollziehbar kommunizierte Anpassungen vielfach auf Akzeptanz stoßen, wenn Genossenschaften den Wert ihres Angebots selbstbewusst vertreten und Mitglieder frühzeitig einbinden. Beim Blick auf Quartiere wurden unterschiedliche Formen von Überforderung deutlich – etwa zunehmende Vermüllung, Einsamkeit, finanzielle Belastungen von Mitgliedern oder auch Herausforderungen für Mitarbeitende und Strukturen. Als zentraler Ansatz wurde herausgestellt, Probleme frühzeitig zu erkennen und vor allem die Kommunikation zu stärken: innerhalb der Organisation, mit Mitgliedern und mit den Menschen im Quartier, damit Wissen besser geteilt und genossenschaftliche Angebote und Unterstützungsstrukturen bekannter werden.
Personal und Organisation im Wandel

Die anschließenden Vorträge eröffneten einen Blick auf die Zukunft von Personal und Organisation: Prof. Dr. Christian Unsöld (EBZ Business School) führte die Zuhörer durch die Ergebnisse des aktuellen HR-Monitors: Der Fachkräftemangel – vor allem im technischen Bereich – bleibt eine zentrale Herausforderung, die Unternehmen zum Umdenken zwingt. Gleichzeitig treten neue Kompetenzen wie Teamgeist, Lernfähigkeit und Selbstmanagement in den Vordergrund und prägen die Arbeitswelt von morgen.
Hinzu kommt eine demografische Entwicklung, die viele Organisationen vor neue Herausforderungen stellt: In zahlreichen Unternehmen sind die Führungsetagen noch stark von den älteren Generationen geprägt. Der Fokus verschiebt sich – Nachfolgeplanung und der gezielte Wissenstransfer gewinnen enorm an Bedeutung. Unsöld machte deutlich: Organisationsentwicklung wird zur Schlüsselaufgabe für Führungskräfte, die ihre Teams fit für die Zukunft machen wollen.
Wie Unternehmen ihre Attraktivität als Arbeitgeber gezielt steigern können, zeigte Sabrina Wolz vom Volks-, Bau- und Sparverein Frankfurt am Main eG eindrucksvoll: Der Schlüssel zu erfolgreicher Personalgewinnung liegt häufig in persönlichen Begegnungen, ehrlichen Einblicken in die Unternehmenskultur und dem Aufbau von Vertrauensbeziehungen. So gelingt es, neue Talente zu begeistern und für die Organisation zu gewinnen.
Genossenschaften vor großen Veränderungen

Im abschließenden Expertentalk betonten Klaus Leuchtmann (EBZ), Alexander Rychter (VdW Rheinland Westfalen), Olaf Rabsilber (GWG Oberhausen-Sterkrade eG) und Natalia Bauer (VdW Treuhand), dass sich Wohnungsgenossenschaften auf umfassende Veränderungen einstellen müssen. Digitalisierung, energetische Sanierung und eine stärkere Einbindung der Mitglieder werden zentrale Aufgaben der kommenden Jahre sein.
„Es ist ein erhebliches Risiko für die Funktion der Rechtsform, wenn Mitglieder nicht mehr erreicht werden“, sagte Klaus Leuchtmann und stellt Handlungsbedarf fest.
Mit Blick auf 2030 nennt Olaf Rabsilber vor allem die Aufgabe, wirtschaftliche Voraussetzungen für die energetische Sanierung des Bestands zu schaffen und die Kommunikation insbesondere nach innen zu stärken.
Natalia Bauer erinnerte daran, dass kleinere Genossenschaften zwar gewisse Vorteile aufwiesen – so sei das Engagement der Mitglieder höher –, aber auch Probleme hätten. So sehen sich z. B. junge Menschen, die Karriere machen wollen, als Immobilienkaufmann oder -kauffrau häufig eben woanders. Gerade deshalb braucht es hier verstärkt Unterstützung.
Klaus Leuchtmann verwies auf die Rolle des EBZ- Instituts eG21 als Bildungs- und Innovationsplattform für die Wohnungsgenossenschaften. Alexander Rychter schließlich berichtete, dass zahlreiche Genossenschaften bereits heute mit innovativen Projekten – etwa im seriellen Sanieren – zeigen, dass sie den aktuellen Herausforderungen gewachsen sind: „Sich den Herausforderungen der Zeit zu stellen, ist keine Frage der Größe, sondern eine Frage des Mutes.“
