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Beratung Training Dialog

25. Mai 2020 - Branchentrends
Mit Marie Steinhauer schauen wir in die gelebte Praxis des modernen Quartiersmanagements. Mit ihr klären wir die Frage, ob es sich lediglich um ein Bürgerbüro handelt oder welche Aufgaben ein modernes Stadtteilmanagement übernimmt.

Quartiersmanagement – viele Facetten und komplexe Aufgaben

Modernes Quartiersmanagement ist vielfältig und facettenreich - es handelt sich nicht lediglich um ein Bürgerbüro. Welche komplexen Aufgaben dahinterstecken, erklärt uns Marie Steinhauer. Mit ihr werfen wir einen Blick in die gelebte Praxis.

Marie Steinhauer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin bei InWIS Forschung und Beratung am Europäischen Bildungszentrum der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft.

 

EBZ Akademie: Der Begriff Quartiersmanagement ist seit einiger Zeit in aller Munde. Dabei fällt immer wieder auf, dass unter diesem Begriff unterschiedliche Aufgaben und Ziele gefasst werden. Was verstehen Sie unter Quartiersmanagement?

Marie Steinhauer: Der Begriff wird wohl deshalb so vielfältig interpretiert, weil er von unterschiedlichen Disziplinen und Berufsgruppen genutzt wird. Das „Management“ von Quartieren übernehmen – neben Kommunen – mittlerweile auch Wohnungsunternehmen, soziale und kirchliche Träger sowie Forschungs- und Beratungsinstitute wie InWIS. Manchmal sind es auch Akteur-Tandems, die das Quartier gemeinsam stärken wollen. Jeder von ihnen hat eine andere Sicht auf das Quartier und im besten Fall ergänzen sich ihre beruflichen Hintergründe und Qualifikationen.

Für mich bedeutet Quartiersmanagement vor allem, das Quartier in seiner Ganzheitlichkeit zu erkennen und entsprechend der Bedarfe zu „managen“. Das meint insbesondere, die Akteure und Anwohner vor Ort nicht zu übergehen bzw. ihnen eine vorgefertigte Schablone überzustülpen, von der man ausgeht, dies sei das allgemeingeltende Modell des Quartiersmanagements. Vielmehr bedeutet Quartiersmanagement, ein Feingefühl für das Quartier zu besitzen und seine Potenziale „herauszukitzeln“.

Mit dem Instrument des Quartiersmanagements wird die bauliche Stadtentwicklung durch die soziale ergänzt. Das bedeutet in der Praxis, dass wir als Quartiersmanager die Bewohner befähigen möchten, ihre Stadt mitzugestalten und Einfluss zu nehmen. Eine wichtige Voraussetzung hierfür ist eine unterstützende und offene Kommunalverwaltung, die neuen und vielleicht auch ungewöhnlichen Ideen eine Chance gibt. Auch braucht es Wohnungsunternehmen, die das soziale Kapital ihres Quartiers fördern möchten und bereit sind, in die Bedürfnisse der Bewohner zu investieren. Schließlich erkennen immer mehr Wohnungsunternehmen, dass sich potenzielle Mieter ihre Wohnung immer öfter nach dem Wohnumfeld aussuchen. Je attraktiver das Quartier, desto größer die Kundenzufriedenheit und -bindung.

Quartiersmanagement heißt aber auch, Quartiere präventiv zu stärken – also nicht erst benachteiligte Quartiere zu verbessern, sondern auch Quartiere ohne akuten Entwicklungsbedarf in ihren bereits vorhandenen Potenzialen zu fördern. Würde jede Kommune ein Quartiersmanagement besitzen, könnten Bedarfe und Problemlagen in den Quartieren viel schneller in die Verwaltung kommuniziert werden. Quartiersmanager sind schließlich Stimmungsmesser im Quartier und ein Sprachrohr der Bewohner.

 

Ihr Institut begleitet das Quartiersmanagement vor Ort. Welche Rolle übernehmen Sie und wie sieht die konkrete Arbeit vor Ort aus?

Seit Anfang 2019 begleitet unser Institut das Quartiersmanagement im ostwestfälischen Espelkamp. Das dortige Quartiersmanagement wird über das Städtebauförderungsprogramm „Soziale Stadt“ finanziert und läuft über zwei Jahre. Die Kommune hat den Auftrag an das dortige Wohnungsunternehmen Aufbaugemeinschaft Espelkamp übergeben und dieses hat InWIS wiederum mit ins Boot geholt. Meine Rolle ist die wissenschaftliche Begleitung des Quartiersmanagements. Darunter fallen Zwischen- und Endevaluationen, aber auch methodische Bausteine wie Akteursanalysen, Befragungen, Moderationsveranstaltungen und Bürgerbeteiligungsverfahren. Mein Kollege vor Ort bringt die Ortskenntnis mit und ein breites Wissen über die Bestände im Quartier sowie die dortigen Akteure. Unsere beruflichen Hintergründe und Erfahrungen ergänzen sich in der Praxis sehr gut. Konkret bin ich zwei Tage die Woche in Espelkamp und drei Tage in Bochum. Oft komme ich mit neuen Ideen im Gepäck nach Espelkamp. Dann prüfe ich gemeinsam mit meinem Kollegen die tatsächliche Machbarkeit vor Ort. Manchmal scheitere ich auch mit meinen Ideen, aber auch das ist Quartiersmanagement. Unser Quartiersbüro hat von montags bis freitags für Besucher geöffnet. Unsere tägliche Arbeit besteht vor allem darin, neue Ideen und Veranstaltungen in den Quartieren zu planen, die Akteure untereinander zu vernetzen und die Bedarfe der Bewohner in die Tat umzusetzen. Wir begleiten drei Quartiere, für die unterschiedliche Zielvereinbarungen gelten. Entsprechend differenziert müssen wir die Quartiere fördern.

 

Auf welche Veränderungen in Espelkamp sind Sie besonders stolz?

In den anderthalb Jahren haben wir es geschafft, uns gut in Espelkamp zu etablieren. Wir haben ein starkes Akteursnetzwerk aufgebaut, welches – besonders in Krisen wie der aktuellen – sofort handlungsfähig ist und zusammenhält. Ebenfalls als erfolgreich stellt sich die Zusammenarbeit aus Kommune, Wohnungsunternehmen und InWIS heraus. Diese eher ungewöhnliche Kooperation, insbesondere vor der Förderkulisse „Soziale Stadt“, funktioniert einwandfrei und ermöglicht kurze Entscheidungswege. Die Stadtverwaltung und die Aufbaugemeinschaft bieten ständige Rückendeckung und unterstützen neue Ideen für die Quartiere. Mit dem Instrument Quartiersmanagement wurden neue Formate in die Stadt gebracht: Von Zukunftswerkstätten und Workshops über Bürgerbeteiligungen bis hin zum Quartiersbüro, das als ständige Anlaufstelle für alle Belange der Bewohner genutzt wird. Unsere Ideen, Angebote und Veranstaltungen werden gut angenommen und das freut uns sehr.

 

Funktionierende Netzwerke sind in der Quartiersarbeit ein wichtiger Motor. Wie funktioniert in Espelkamp die Zusammenarbeit zwischen allen Akteuren?

Zu Beginn des Quartiersmanagements führten wir eine Akteursanalyse durch. Diese nutzten wir nicht nur, um uns bei den jeweiligen Akteuren bekannt zu machen, sondern auch um ihre konkreten Bedarfe abzufragen: Fehlen ihnen Räumlichkeiten? Wie sind sie vernetzt? Wollen oder brauchen sie überhaupt unsere Unterstützung? Aufbauend auf der Analyse ergaben sich engere und losere Netzwerke zu den jeweiligen Akteuren. Auch untereinander versuchten wir zu vernetzen. So gründeten wir einen „Runden Tisch“ für alle Akteure der Seniorenarbeit. Grund hierfür war ein bisher fehlender Austausch eben dieser Akteure.

Mittlerweile sind wir in allen Quartieren gut vernetzt und in ständiger analoger und digitaler Kommunikation zu Akteuren der Kinder-, Jugend- und Seniorenarbeit. Auch Kirchen, Schulen und Vereine beziehen wir mit ein. Gleichzeitig gibt es Akteure, die lieber für sich bleiben wollen. Wichtig ist es, keine Kooperation zu erzwingen, sofern kein Bedarf und Wunsch danach besteht.

In dem Netzwerkgeflecht nicht zu vergessen ist die Presse. Sie kommuniziert unsere Arbeit an die breite Öffentlichkeit und unterstützt uns damit sehr. Auch hier können wir dankbar sein, dass sehr regelmäßig über uns berichtet wird und wir dadurch ständig präsenter werden.

 

Aktuell stehen alle QuartiersmanagerInnen vor der Herausforderung, nachbarschaftliche Netzwerke in Zeiten der Corona-Pandemie aufrecht zu erhalten. Wie begegnen Sie dieser Aufgabe?

Wir haben – gemeinsam mit einigen Akteuren und der Kommune, das Hilfenetzwerk „Espelkamp hält zusammen“ gegründet, das Hilfesuchenden mit Helfern zusammenbringt. Da es ein Kooperationsprojekt ist, blieb der Kontakt zu vielen Akteuren ohnehin bestehen. Wir tauschen uns vor allem telefonisch aus und besprechen uns in Videokonferenzen. Die Hotline, unter der das Hilfenetzwerk täglich erreichbar ist, wird zirkulär von einem der Akteure besetzt. Ansonsten erreichen wir die Bewohner und Akteure vor allem über Facebook und die Zeitung. Die beiden Kanäle lassen zu, dass bestenfalls alle Altersgruppen erreicht werden können. Über Facebook kommunizieren wir vor allem mit der jüngeren Zielgruppe. Über Presseartikel in der Zeitung erreichen wir die mittleren und älteren Jahrgänge.

Zudem nutzen wir aktuell vermehrt die großen Fensterfronten unseres Quartiersbüros. Diese bespielen wir ebenfalls mit Inhalten und Aktionen, um zu zeigen: Wir sind da. Wir machen weiter! Unser Quartierbüro ist mittlerweile auch wieder für Besucher geöffnet, sodass wir wieder zu den gewohnten Öffnungszeiten erreichbar sind. Die ersten Bewohner leihen sich auch schon wieder unser Lasten-E-Bike aus und nutzen es für Familienausflüge oder Einkäufe.

Ich denke, die Corona-Krise hat uns einmal mehr gezeigt, was Nachbarschaft bedeutet und welches (Hilfe)potenzial ein Quartier bietet. In einer Krise wie dieser beziehen wir uns auf den gelebten sozialen Nahraum: Plötzlich wird der anonyme Nachbar zum wichtigen Helfer. Ein Quartiersmanagement bietet auf dieser Mikroebene „Stadt“ eine wichtige strukturelle Unterstützung.

Weiterführende Informationen

 

Am 18.06.2020 können Sie Marie Steinhauer in einem unserer Arbeitskreise live erleben. Sie referiert im Rahmen des Arbeitskreis Integrations- und Quartiersmanagement mit dem Schwerpunktthema: Wie verändert Corona die Quartiersarbeit?

Hier finden Sie alle wichtigen Details zum Arbeitskreis

Informationen zu der Arbeit und zum Angebot von InWIS finden Sie hier: www.inwis.de

 

 

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Gastbeiträge auf dem EBZ Akademie Blog sind immer als solche gekennzeichnet. Mitwirkende Gastautoren auf diesem Blog, sind enge Netzwerkpartner des EBZ sowie Trainer, Dozenten, Professoren und Experten aus der Praxis.