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03. September 2019 - Branchentrends
Die Infrastruktur für das Leben in ländlichen Regionen unterscheidet sich von denen der Hotspots. Durch Baukultur können dort bauliche Zukunftsaussichten neugestaltet werden. Wie das funktionieren könnte und was z.B. ein Donut-Effekt ist, erläutert uns Inga Glander.

Wohnen fern der Hotspots – Wie wichtig ist die Baukultur?

Die Infrastruktur für das Leben in ländlichen Regionen unterscheidet sich von denen der Hotspots. Durch Baukultur können dort bauliche Zukunftsaussichten neugestaltet werden. Wie das funktionieren könnte und was z.B. ein Donut-Effekt ist, erläutert uns Inga Glander.

Inga Glander

Referentin des Vorstandes bei der Bundesstiftung

Baukultur

EBZ Akademie: Frau Glander, bei den aktuellen wohnungswirtschaftlichen Debatten sprechen alle über die Hotspots. Die Bundesstiftung Baukultur beschäftigt sich darüber hinaus mit Lebenssituationen in ländlichen Regionen. Warum?

Inga Glander: Ländliche Räume sind ein relevantes Thema – schließlich lebt ein Großteil der Menschen in Deutschland in ländlichen Regionen oder Klein- und Mittelstädten. Investoren und Entwickler schauen dominant auf die großen Städte. Nach Zahlen des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung wohnen aber weniger als ein Drittel der Bevölkerung in Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern.

Außerdem können Metropolen und ländliche Räume nicht losgelöst voneinander betrachtet werden. Die vielfältigen Wechselbeziehungen bieten Potenziale, die zum Teil noch zu wenig genutzt werden. Während in den Großstädten zum Beispiel aktuell eine Nachfrage nach 1,5 Mio. neu gebauten Wohnungen herrscht, stehen an anderer Stelle fast 2 Mio. Wohnungen leer.

Wenn die nötige Infrastruktur und entsprechende Anreize geschaffen werden, könnte in der Bestandsaktivierung im ländlichen Raum also eine Alternative zum Neubau liegen, um dem Wohnungsmangel entgegenzuwirken.

Dafür spricht auch, dass in einer Umfrage der Bundesstiftung Baukultur fast 50 % der Befragten angegeben haben, bevorzugt in einer ländlichen Gemeinde wohnen zu wollen, wenn die Entscheidung unabhängig von der finanziellen Situation oder anderen Rahmenbedingungen getroffen werden könnte. 

 

Sie sagen, dass durch Baukultur Zukunftsperspektiven geschaffen werden können. Wie meinen Sie das?

Gebaute Lebensräume beeinflussen unser Wohlbefinden und unseren positiven oder negativen Blick auf die Welt. Herausragende Bauwerke sind beeindruckend und häufig touristische Ziele, aber auch unsere alltägliche Umgebung wirkt unbewusst auf unsere Stimmung. Sie prägt uns durch ein identitätsstiftendes Stadt- oder Ortsbild und einen öffentlichen Raum, in dem sich Menschen gerne aufhalten.

Baukultur hat somit positive Auswirkungen auf die Lebensqualität und die wirtschaftliche Entwicklung von Städten und Gemeinden. Durch eine Baukultur, die zeitgenössisch ist, aber typische Bauformen und Materialien berücksichtigt, die städtebauliche Verbesserungen und öffentliche Orte mit Aufenthaltsqualität schafft, die den Bestand als Herausforderung begreift und auch mal zu ganz neuen Lösungen führt, können das Ortsbild, der soziale Zusammenhalt und die Überlebensfähigkeit eines Ortes positiv beeinflusst werden. Jeder Neubau, jeder Umbau kann eine Verbesserung bewirken – für sich, aber auch für sein Umfeld und den öffentlichen Raum. Attraktivität und Einzigartigkeit eines Ortes entscheiden schließlich darüber, ob man wegzieht oder bleibt.

 

In Ihren Ausführungen schwingt mit, dass auch schlechte bauliche Lösungen umgesetzt werden. Welche Fehler werden aus Ihrer Sicht im ländlichen Raum besonders häufig gemacht?

Es geht hier weniger um Einzelfälle als um Entscheidungen auf struktureller Ebene. Zum Beispiel ist in vielen ländlichen Regionen der Baubedarf eigentlich übererfüllt und dennoch werden am Ortsrand immer neue Baugebiete für Einfamilienhäuser ausgewiesen. Wohnungen im Ortskern und in zentrumsnahen Lagen stehen dabei leer und verlieren mit der Nachfrage auch an Wert. Der Einzelhandel zieht sich aus dem Zentrum zurück. Eine Lebens- und Aufenthaltsqualität im Herzen des Ortes ist dann kaum noch vorhanden – ebenso wenig wie in den oft gesichtslosen Neubaugebieten. Der „Donut-Effekt“ beschreibt dieses Phänomen sehr gut: substanzlose Masse am Rand und Leere in der Ortsmitte, wo doch eigentlich ein lebendiges Zentrum sein sollte.

 

Natürlich gibt es nicht nur schlechte Beispiele. Welche baukulturelle Umsetzung im ländlichen Raum hat Sie in den letzten Jahren am meisten beeindruckt?

Bezieht man sich auf das zuvor beschriebene Problem, gibt es viele Gemeinden, in denen eine aktive Bürgerschaft gemeinsam mit der Kommune, aber auch der Wohnungswirtschaft und privaten Eigentümern an einem Strang ziehen und mit einer funktionalen, städtebaulichen und architektonischen Stärkung der Ortsmitte dem Donut-Effekt entgegenwirken. Durch neuartige und bedarfsgerechte Konzepte werden Leerstände neu belebt und Entwicklungen in der zusammenhängend bebauten Ortslage angestoßen. Von der Erweiterung eines ehemaligen Wohnhauses zu einem Kinder- und Familienzentrum im baden-württembergischen Poppenweiler, über aktives Leerstandsmanagement wie in der Wittlicher Altstadt in Rheinland-Pfalz bis zum Neubau eines Konzerthauses in Blaibach in Bayern – die Lösungen sind so vielfältig wie die Orte und die Menschen, für die sie entwickelt werden. Gute Baukultur entsteht immer dort, wo als Ergebnis einer konsensorientierten Planungskultur nachhaltige Bauprojekte entstehen, die nicht nur ökologische und soziale Standards berücksichtigen und wirtschaftlich machbar sind, sondern die darüber hinaus räumlich und gestalterisch für sich und ihre Nachbarschaften angemessen sind.

 

 

Inga Glander ist Referentin des Vorstandes bei der Bundesstiftung Baukultur. Sie war Projektleiterin diverser Bauvorhaben. Am 7.11.2019 referiert sie im Rahmen des Führungsforum „Aktuelle Herausforderungen der Wohnungswirtschaft fern der Hotspots“ in Kassel.

Weitere Informationen finden Sie unter https://www.e-b-z.de/nc/alle-infos/aktuelle-herausforderungen-der-wohnungswirtschaft-fern-der-hotspots.html

 

 

 

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Christian Kesselring

Stellv. Leiter, EBZ Akademie

Der Praxisbezug sollte in der Erwachsenbildung im Vordergrund stehen. Aus diesen Grund beziehe ich bei der Entwicklung von Bildungsangeboten immer Menschen ein, für die das Angebot konzipiert werden soll.