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10. August 2018 - Branchentrends, Digitalisierung

Management von digitalen Prozessen – Trend oder Paradigmenwechsel?

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Nicole Jekel, Professorin für Betriebswirtschaftslehre und Controlling sowie langjährige Dozentin für Managementthemen bei der EBZ Akademie.

Prof. Dr. Nicole Jekel

Betriebswirtschaftslehre und Controlling

Beuth Hochschule für Technik Berlin

EBZ Akademie: Frau Prof. Dr. Jekel, Digitalisierung ist das Buzz-Wort der Stunde. Fast jedes Unternehmen bemüht sich, immer mehr Prozesse zu digitalisieren. Ist das ein kurzfristiger Trend oder bahnt sich ein Paradigmenwechsel an?

Leider wird es in vielen Unternehmen als ein neuer technologischer Trend missinterpretiert. Es geht vielmehr darum, die Möglichkeiten der Digitalisierung zu nutzen, um das aktuelle Geschäftsmodell zu optimieren. Gleichzeitig gilt es, die Bedrohungen durch neue Marktteilnehmer im Auge zu behalten. Während viele Unternehmen Digitalisierung nur mit Automatisierung verwechseln, werden sie von neuen Playern im Markt rechts überholt. Das ist besonders deutlich in der Bankenbranche zu sehen. Dort versuchen Banken ihre Kostenquote durch Automatisierung zu optimieren, während Fintechs ihnen die Kunden abnehmen.

EBZ Akademie: Viele Unternehmenschefs sehen durch die Digitalisierung eine Bedrohung und Chance zugleich. Welche Unternehmen werden am Ende des Tages durch die Digitalisierung gewinnen und welche werden verlieren?

Verlieren werden die Unternehmen, die die Digitalisierung entweder völlig verschlafen oder sie nur zur Automatisierung und damit nur zur reinen Kostensenkung nutzen. Gewinnen werden die Unternehmen, die die Chancen der Digitalisierung zur Schaffung von zum Teil völlig neuen Geschäftsmodellen erkennen und dann auch entsprechend agil umsetzen.

EBZ Akademie: Alles klar! Wertschöpfungsketten und Geschäftsmodelle werden digitaler. Werden Wohnungsunternehmen zu den Gewinnern gehören?

Wenn Sie die Chancen der Digitalisierung intelligent nutzen: Ja! Wenn nicht, werden sie ähnlich wie andere ehemalige Branchenführer zu den Verlierern zählen.

EBZ Akademie: Mark Twain sagte einmal„Kaum verloren wir das Ziel aus den Augen, verdoppelten wir unsere Anstrengungen.“ Brauchen Unternehmen zwangsläufig eine Digitalisierungsstrategie?

Aus meiner Sicht brauchen Unternehmen erst einmal eine sehr gute Unternehmensstrategie, die die heute bereits vorhandenen Möglichkeiten der Digitalisierung so weit wie möglich nutzt, um ihr Geschäftsmodell zu optimieren, zu erweitern und ggfs. neue Märkte zu erschließen. Eine reine Digitalisierungsstrategie führt oft nur zu den oben beschriebenen Automatisierungsprojekten. Das ist aus meiner Sicht eines der größten Missverständnisse im Bereich der digitalen Transformation. Ich fasse noch einmal kurz zusammen: 1. Die Unternehmensstrategie. 2. Die daraus abgeleitete digitale - und natürlich auch analoge - Umsetzung.

EBZ Akademie: Durch den digitalen Veränderungsprozess werden sich Kulturen und Strukturen in Unternehmen ändern und neue Kompetenzen werden gefragt sein. Was genau ist unter digitalen Kompetenzen und digitaler Kultur zu verstehen?

Wichtig ist, dass Führungskräfte einen guten Überblick über die heute verfügbaren Möglichkeiten der Digitalisierung haben und sich die erforderlichen IT-Spezialisten Inhouse sowie extern rekrutieren, um die für das Unternehmen relevanten digitalen Technologien für sich nutzbar zu machen. Digitale Kompetenzen fallen bereits schon bei der Nutzung der bestehenden digitalen Werkzeuge an. Denn auch hier ist zu merken, dass meist weniger als 10% der möglichen Potenziale der vorhandenen Technologie ausgeschöpft werden. Diese Defizite können zum einen durch externe Trainings, als auch durch internes Reverse-Mentoring gelöst werden. Beim Reverse-Mentoring werden z. B. Führungskräfte durch (meist jüngere) Mitarbeiter beim Einsatz moderner digitaler Technologien gecoached.

EBZ Akademie: Okay. Die Kultur wird sich zwangsläufig ändern, doch die Menschen sind ja immer noch dieselben. Was tun, wenn die „neue, digitale“ Kultur nicht zu den im Unternehmen arbeitenden Personen passt?

Das wichtigste ist zunächst ein Vorleben der auch digital geprägten Führungskultur durch das Top-Management. Wenn dies gewährleistet ist, muss das Top-Management dies bei den Mitarbeitern aktiv einfordern. Wichtig ist selbstverständlich auch eine Kommunikation, wozu der Kulturwandel dient und weshalb er alternativlos ist. Von Mitarbeitern, die auch nach dem Vorleben und dem Einfordern den Kulturwandel nicht mittragen wollen, sollte sich das Unternehmen trennen. Dies hat in der Regel einen positiven Signalcharakter an die restliche Belegschaft. Den Change müssen alle alternativlos mitgehen wollen.

Frau Prof. Dr. Jekel hat gemeinsam mit der EBZ Akademie das Qualifizierungsprogramm „Digitalisierungsmanager in der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft“ konzipiert. Weitere Informationen finden Sie hier.

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Über den Autor

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Christian Kesselring

Stellv. Leiter, EBZ Akademie

Der Praxisbezug sollte in der Erwachsenbildung im Vordergrund stehen. Aus diesen Grund beziehe ich bei der Entwicklung von Bildungsangeboten immer Menschen ein, für die das Angebot konzipiert werden soll.